AGBeratung

Dein Mikro ist noch stumm

Seit Beginn der Corona-Pandemie treffen wir uns kaum noch real. Plena finden digital statt, gearbeitet wird möglichst von Zuhause. Das betrifft uns als Beratungskollektiv genauso wie viele der Gruppen, die zu uns in die Beratung kommen.

Die digitale Kommunikation ist dabei auch nach einem Jahr Übung immer noch mehr als holprig und die Technik oft unzuverlässig: Sätze kommen nur abgehackt an, die Mimik friert ein, mensch fliegt plötzlich mitten in der Diskussion raus und findet sich beim Versuch der Wiedereinwahl in verschiedenen digitalen Räumen wieder. Und klappt dann doch mal alles, sind trotzdem noch die Gesichter unscharf und die Bildchen so klein, dass Mimik, Gesten und Körpersprache, die so wesentlich für Verständigung sind, fast vollständig weg fallen. So entstehen viele Lücken in der Kommunikation, die mit Geduld und Mut zur Interpretation gefüllt werden müssen.

Das alles ist mühsam, wird mit der Zeit nicht weniger anstrengend und bringt auch nicht mehr Spaß; statt dass wir uns daran gewöhnen, ermüden wir.

Und so verändert sich unser Kommunikationsverhalten: Weil online-Treffen anstrengend sind, versuchen wir, sie so kurz wie möglich zu halten. Die Gespräche werden gestrafft, sie werden mehr und mehr auf das Nötige reduziert.

Nur was ist das Nötige? Was ist wichtig und auf was können wir verzichten?

Das Wichtigste soll schnell gesagt werden, bevor wieder ein technischer Schluckauf dazwischen kommt. Wer nicht muss, sagt nichts. Wer nicht spricht, schaltet das Mikro stumm und spart sich die kleinen Zwischenbemerkungen. Klönen, quatschen und blödeln fällt unter den Tisch, alleine schon, weil beim ordentlichen nacheinander-Reden mit ausgestelltem Mikrofon die Leichtigkeit des Herumalberns nicht so recht aufkommen will. Nach den Treffen sitzen wir auch nicht mehr zusammen, räumen nicht mehr zusammen auf und gehen nicht mehr miteinander zur Bahn. Wir klicken einmal und weg sind wir.

Positiv betrachtet, werden die Gespräche dadurch effizienter: Wir pressen mehr Informationen in kürzere Zeit. Diskussionen fallen kürzer aus oder ganz weg. Und die Treffen passen leichter in unsere vollen Terminkalender: Sie lassen sich mal kurz dazwischen schieben, ohne erst irgendwo hin fahren zu müssen. Wir können sogar währenddessen noch was zu Essen machen, ohne dass es andere stört, Ton und Kamera lassen sich ja wahlweise ausschalten.

Der Aufwand für die Treffen ist so gesehen geringer, das Sich-drauf-einlassen allerdings oft auch. Die Beteiligung an Treffen bröckelt, es wird mehr geschwiegen. Emotionale, aufgeladene oder Grundsatz-Themen werden auf rare, lang geplante und dann doch wieder abgesagte Präsenztreffen verschoben und weiter geschoben.

Effektiv ist das für soziale Zusammenhänge nur scheinbar. Bei der Reduktion auf das vermeintlich Nötige droht genau das weg zu fallen, was unsere kollektiven Zusammenhänge nährt: Der persönliche Kontakt und die Wärme, ob sie durch gemeinsames Lachen oder durch Reibung entsteht. Wir tauschen uns weniger aus und bekommen uns in unseren Kollektiven weniger gegenseitig mit. So sind wir dann, was Zuwendung, emotionale Nähe, Fürsorge und Austausch angeht, vermehrt auf unsere Wohnverhältnisse und engsten Beziehungen zurückgeworfen. Abgesehen davon, was auch immer das mit diesen Beziehungen macht, macht es was mit unseren Kollektiven.

Das zeigt sich oft nicht gleich, aber irgendwann merken wir, dass uns das „Gefühl“ füreinander fehlt. Kleinigkeiten missverstehen wir und diese Missverständnisse bekommen mehr Gewicht. Wir sind auf einmal unsicher, wie etwas gemeint ist, leichter irritiert und gleichzeitig haben wir mehr Hemmungen, etwas anzusprechen. Der Raum für „Filme“ wird größer und es fehlt das Beisammen-Sein als Gegengewicht. Dabei geht es zum einen um Zeit, etwas ausführlich besprechen zu können, vor allem aber darum, dass wir uns begegnen und uns „mitbekommen“.

Nach wie vor ist es etwas ganz anderes über Pixel vermittelt oder direkt körperlich anwesend zu kommunizieren. Über das Digitale bleibt meist ein Abstand, eine Distanziertheit, in der sich Spannungen auf- bzw. nicht wieder abbauen. Dazu fehlt es, miteinander in einem Raum zu sein, sich in die Augen gucken zu können und sich körperlich, mit den ganzen feinen Nuancen der Körpersprache, „mitzubekommen“. Wer kennt es nicht: über Tage oder Wochen ziehen sich Konflikte zu wie Wolkendecken und lösen sich plötzlich wie magisch wieder auf, sowie wir uns einmal wirklich begegnet sind und uns angelacht oder einfach nur zugewandt haben.

Um das „Gefühl“ füreinander nicht zu verlieren, brauchen wir Begegnungen. Für Verständnis und Vertrauen brauchen wir Räume in denen das Neben-Sächliche Platz hat. Manchmal können Online-Treffen ohne Agenda, oder Telefongespräche und gemeinsame Spaziergänge außer der Reihe, etwas davon auffangen. Hoffentlich bietet uns endlich auch der Sommer wieder mehr Zeit und Gelegenheiten, uns real zu treffen.

Kollektive bieten so viel mehr als effektive Zusammenarbeit. Sie können Orte für Austausch, Begegnung und Fürsorge sein – gerade in angespannten Zeiten. Lasst uns kreative Wege finden, das nicht aus den Augen zu verlieren, und es nicht zu unterschätzen.