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„Hallo hörst du mich?“ – Kommunikation in Corona-Zeiten

„Kannst du mich sehen, hörst du mich?“ So oder so ähnlich beginnen die meisten Gespräche vor dem Bildschirm. Und oft bleibt die Technik auch ein zentrales Thema neben der Inhalte. Seit vielen Wochen ergeben sich für selbst organisierte Gruppen und Zusammenhänge enorme Schwierigeiten bei der Kommunikation. Die Möglichkeiten sich persönlich zu treffen sind stark eingeschränkt, wenn wir die Empfehlungen zum Schutz vor Infektionen ernst nehmen. Unsere lang bewährten Alltagsstrukturen basieren auf persönlichem Austausch, Vertrauen und der Möglichkeit Ideen gemeinsam zu spinnen, Handlungsmöglichkeiten intensiv zu diskutieren und uns Wertschätzung und Motivation direkt von Angesicht zu Angesicht zu geben. Dies per Telefon, schriftlich oder über digitale Formate zu realisieren fällt nicht nur uns schwer.

In der Beratungsarbeit, merken wir, wie schwierig es ist, mit mehren Gesprächsteilnehmer*innen über den Bildschirm in Verbindung zu kommen und ein Gefühl füreinander zu entwickeln, vor allem wenn man sich vorher noch nicht begegnet ist. Unser Handwerkszeug als externe Berater*innen können wir nur im persönlichen Gespräch anwenden, im direktem Austausch mit den Gruppen. Die Dynamiken zwischen einzelnen Personen in Gruppen wahrzunehmen, die man vorher noch nie gesehen hat, ist mittels Video-Telefonie fast nicht möglich. Unsere Beratungsarbeit lebt vom Nachfragen und Nachbohren, um ein genaues Bild der einzelnen Personen in den Gruppen zu bekommen, ihre Motivationen, Ängste und Wünsche herauszufinden. Unsere Aufgabe besteht auch im Aufspüren unbequemer Themen und im Zuhören, was nicht gesagt wird. Und Punkte anzusprechen und aufzunehmen, um die die Gruppen einen Bogen machen. Sei es, weil es Unsicherheiten gibt, wie mit den problematischen Themen umgegangen werden soll oder weil das Aufrechterhalten des Gruppengefüges in Gefahr scheint. Für all das ist es wichtig Zwischentöne zu hören, Stimmungen wahrzunehmen und die Dynamik miteinander. Also das mitzubekommen, was sich ganz wesentlich über Körpersprache und Tonfall mitteilt. Und es geht nur in gegenseitigem Vertrauen, dass dann entsteht, wenn es einen guten Kontakt zueinander gibt. Nur wenn uns das gelingt, kann ein Gruppenprozess von uns als externe Berater*innen unterstützend begleitet und die Gruppe befähigt werden, die anstehenden Prozesse selbst zu gestalten.

Unsere Erfahrung der letzten Wochen hat gezeigt, mit den Kästchen in Kachelansicht auf dem Bildschirm gelingt uns eine intensive Kontaktaufnahme nicht wirklich. Zu viel von dem, was Kommunikation ausmacht, fällt weg. Wenn um Störgeräusche zu vermeiden, die Mikrofone aller, die gerade nicht reden, stumm gestellt werden, spricht man als Berater*in plötzlich ins Leere. Und wenn alle in ihren eigenen Kästchen sitzen, fehlen die vielen kleinen, doch so wesentlichen, Blicke, Bewegungen, Einwürfe die sonst in Gruppen untereinander getauscht werden. Oft erschweren zusätzlich technische Probleme, wie schlechte Internetverbindungen, überlastete Server oder eigenwillig dumpf grollende Mikrofone, die Verständigung. Mimik und Gestik frieren in Standbildern ein oder die Kameras werden gleich ganz ausgemacht, um die Internetverbindung nicht zu überlasten und man spricht mit einem schwarzen Rechteck. Und die Zwischentöne verschwinden ganz im Rauschen der Störgeräusche. Das kostet Zeit und Nerven und oft fast man sich dann extra kurz und knapp, um wenigstens schnell noch das Wichtigste zu sagen. So reduzieren die technischen Bedingungen die Gespräche oft auf das vermeintlich Nötigste. Für effektiven Informationsaustausch mag das sogar hilfreich sein, für Gruppenprozesse eher nicht.

Nichts desto trotz wollen wir unsere Unterstützung weiter anbieten und das im Einklang mit dem Schutz von Risikogruppen und in Verantwortung füreinander. Deshalb experimentieren wir jetzt mit Treffen, die draußen stattfinden und mit dem Tragen von Schutzmasken aus Plexiglas bei persönlichen Zusammenkünften. Wir hoffen, dass wir die Begleitung von Gruppen in diesen merkwürdigen Zeiten weiter realisieren können, denn hoffnungsvolle Anfragen zu Neugründungen von Hofgemeinschaften, Arbeitszusammenhängen, Kollektivbetrieben und Kulturinitiativen erreichen uns viele und auch bestehende Gemeinschaftsprojekte nutzen die momentane Situation sich weiter zu entwickeln. Oder stehen manchmal vor grundlegenden und völlig neuen Probleme und Fragestellungen.

Gezeigt hat sich bis jetzt, dass uns noch keine coronabedingten Insolvenzen oder Anfragen zu Projektauflösungen erreicht haben. Das gibt uns Hoffnung, dass wir als gemeinschaftlich handelnde Zusammenhänge stark und solidarisch genug sind, diese Situation zu meistern.

In diesem Sinne, bleibt gesund, besonnen und solidarisch mit den Menschen um euch herum!